Erinnerungsort Jüdisches Leben

Eine Arbeitsgruppe Bad Salzschlirfer Bürgerinnen und Bürger plant die Einrichtung eines Erinnerungsortes an das Jüdische Leben in Bad Salzschlirf. Er wird im Kurpark zwischen der Musikmuschel und der Kurparkresidenz eingerichtet.

Geplant ist die Errichtung eines zentralen Gedenksteines und Infotafeln. Diese sollen mit den Namen und Familien der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger beschriftet werden. Auf weiteren Tafeln soll an die Schicksale der ermordeten Menschen erinnert werden. Über die Geschichte und die Geschichten der Familien, die eng mit der Geschichte der Kur verbunden sind, soll in einem separaten Buch informiert werden. In weiteren Schritten soll ein Rundweg der Erinnerung entstehen. Der Ort soll künftig der Einkehr und Ruhe dienen aber auch für Gedenkveranstaltungen dienen.

Die Gemeindevertretung hat in ihrer Sitzung am 27.02.2019 die Initiative begrüßt und die Fläche im Kurpark zur Verfügung gestellt.

Einweihung und Gedenken

In einer Gedenkveranstaltung gedachten zahlreiche Mandatsträger, die Mitglieder der Arbeitsgruppe sowie Bürgermeister Kübel den jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern Bad Salzschlirfs. Im besonderen wurde an die 19 Ermordeten gedacht. Im Besein zahlreicher Bürgerinnen und Bürger, dem Bundestagsabgeordeten Michael Brand, dem Landtagsabgeordneten Thomas Hering sowie als Vertreterin des Landkreises Frau Kreisbeigeordnete Daniela Böschen wurde ihr Leben und ihr Schicksal durch gemeindliche Mandatsträger nachgezeichnet. Es folgt ein Abdruck der Rede zur Einweihung von Bürgermeister Kübel sowie fotografische Eindrücke (© Werner König)

Bürgermeister Matthias Kübel während der Ansprache


Dieter König, Mitglied des Arbeitskreises


Michael Passarge, Beigeordneter und Mitglied des Arbeitskreises
Adelheid Eurich, Beigeordnete
Martin Schütz, Gemeindevertreter
Dr. Kartz- Bogislav Baller, Gemeindevertreter
Friedrich Meister, Vorsitzender der Gemeindevertretung
Helga Reith, Gemeindevertreterin
Dr. Georg Betz, Gemeindevertreter
Herbert Post, Beigeordneter
Maria Reus, Gemeindevertreterin
Heinz Hellmann, Beigeordneter
Sehr geehrte Mitglieder der Gemeindevertretung und des Gemeindevorstandes,
sehr geehrter Herr Abgeordneter des Deutschen Bundestages,
sehr geehrter Herr Abgeordneter des Hessischen Landtages,
sehr geehrte Frau Kreisbeigeordnete,
Sehr geehrte Gäste,
Mitbürgerinnen und Mitbürger Bad Salzschlirfs sind in unserem Ort verfolgt worden. Verfolgt, weil Sie Juden waren. Menschen jüdischen Glaubens sind verfolgt, gedemütigt und getötet worden. Wir gedenken heute dem millionenfachen Leid jüdischer Mitbürger in Deutschland. Wir gedenken im Besonderen den jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die hier in Bad Salzschlirf attackiert, getötet und verhaftet wurden. Von ihren Bad Salzschlirfer Mitbürgern.

Was die Verfolgung und der Antisemitismus für die Menschen und das jüdische Leben in Deutschland und in Bad Salzschlirf im Besonderen bedeutete, das kann meine Generation heute nur noch aus den Geschichtsbüchern und aus Erzählungen erfahren. Die Einweihung des Erinnerungsortes für das Jüdische Leben in Bad Salzschlirf erfolgt deswegen in der Erkenntnis, dass wir die Erinnerung über die Geschichtsbücher und die Erzählungen der Zeitzeugen hinaus bewahren müssen.

Die Geschichte der Verfolgung der Juden in Deutschland gehört zu unserer Geschichte. Es ist ein dunkler, ein beschämender und verstörender Teil unserer Geschichte. Diese Geschichte gehört auch zu unserem Kurort. Auch in Bad Salzschlirf wurden Menschen verfolgt, und gedemütigt, um Hab und Gut gebracht, zu Zwangsarbeit verpflichtet und in Konzentrationslager deportiert und dort ermordet worden.

Mit der Inschrift des Gedenksteins wollen wir erinnern:
Zum Gedenken
An unsere jüdischen Bürgerinnen und Bürger, die in der Zeit des Nationalsozialismus Demütigungen und Bedrängnis erfahren haben, das Land verlassen mussten, ihr Hab und Gut verloren haben, zur Ableistung von Zangsarbeit verpflichtet wurden, den Repressalien nicht widerstehen konnten und in den Freitod gingen, in die Konzentrationslager deportiert und ermordet wurden, die nur im Versteck überleben konnten.
Es endete eine viele Jahrzehnte anhaltende jüdische Geschichte in unserem Ort. Eine Geschichte von Menschen, die durch ihr Leben und ihre Arbeit im Handwerk und Handel, im Kurbereich und in Heilberufen unsere Gemeinde geprägt haben.

Diese Untaten sind ein Teil der Geschichte unseres Ortes. Sie hinterlassen eine unangenehme, beschämende und schwierige Verantwortung. Dieser Verantwortung stellen wir uns.

Heute möchte ich – als Bürgermeister dieser Gemeinde und ganz persönlich - um Verzeihung für all das bitten, das Bad Salzschlirfer ihren jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern angetan haben. Wir wissen um das Leid und den Schmerz, der den Menschen angetan wurde. Wir wissen um das Leid und den Schmerz, der auch die Nachfahren der Überlebenden geprägt hat.

Wir können die Taten nicht ungeschehen machen. Wir können um Entschuldigung für das Leid bitten, das entstanden ist, die Erinnerung wachhalten und der Verantwortung für die Zukunft gerecht werden. In der Erkenntnis, dass die Erinnerung an das jüdische Leben Bad Salzschlirfs wach gehalten werden muss, hat die Gemeindevertretung im Februar diesen Jahres die Einrichtung des Erinnerungsortes begrüßt und die Fläche zur Verfügung gestellt. Wir wollen heute gemeinsam mit Mandatsträger/ innen unseres Ortes der Menschen und ihrer Schicksale erinnern und ihre Namen ausrufen.

Und so verstehen wir diese Veranstaltung heute als Zeichen der Entschuldigung und als Bitte um Versöhnung.Die Aussöhnung ist ein zentrales Anliegen, das die Beratungen der Gemeindevertreter und der vorbereitenden Arbeitsgruppe geprägt hat.

Ein weiteres Anliegen dieses Ortes ist es, ein Zeichen gegen das Vergessen zu setzen. Dabei hat den Ort ein Zitat von Erich Limpach (1899 – 1965) geleitet:
Es ist sehr wesentlich,
zu unterscheiden zwischen dem,
was man vergessen kann und dem,
was man nicht vergessen darf.
Unsere Verantwortung aus der Geschichte heraus beinhaltet, die Erinnerung wach zu halten. Das Vergessen an das zu vermeiden, das man nicht vergessen darf. Die Schicksale der Menschen, derer wir Gedenken und die Taten Bad Salzschlirfer an ihren Nachbarn und Mitbürgern dürfen wir nie vergessen.

In der Verantwortung dieses Teils Bad Salzschlirfer Geschichte für die Zukunft, müssen wir verhindern, dass sich ein menschenverachtendes, Menschen nach Glaube, Herkunft oder anderen Abgrenzungsmerkmalen einordnendes Gedankengut wieder in unserer Gesellschaft Bahn bricht.

Und gerade diese Verantwortung ist in heutiger Zeit aktueller denn je. Dieses Gedankengut bricht sich wieder Bahn!

Es ist wieder in Mode, Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Glaubens, ihrer Meinung oder ihrer Ansichten verächtlich zu machen. Es ist wieder in Mode, sich durch ungeprüfte, in den sozialen Medien gemachte unwahre Behauptungen ein Bild von anderen zu machen, und zum Hass gegen Mitmenschen aufzurufen.
Populistische, rechtsextreme, völkische Gruppierungen gewinnen wieder Oberwasser. Der Hass auf Menschen, das Abwenden von Frieden bringenden Systemen, das grundlose Aufkündigen von internationalen Kontrollmechanismen wird salonfähig.

Wir Menschen, nicht nur in Deutschland sondern in der ganzen Welt stehen vor Veränderungen und einer weltpolitischen Lage, die in vielen von uns Angst und Sorge auslöst. Hinzu tritt eine Skepsis gegenüber der Demokratie, die besorgniserregend ist.Diese Sorge und Skepsis nutzen Populisten und Extremisten für pauschale Schuldzuweisungen und Lösungen. Die Antwort auf Sorge und Skepsis darf nicht die pauschale Schuldzuweisung auf Gruppierungen oder Andersdenkende sein.

Die Antworten muss vor dem Hintergrund der Erinnerung an unsere Geschichte gefasst werden. Und zwar auf dem Boden und den Prinzipien von Demokratie, Menschenwürde und Meinungsfreiheit unseres Grundgesetzes.

Und hier sind wir bei dem dritten, zentralen Anliegen, das uns bei der Einrichtung dieses Erinnerungsortes an das jüdische Leben leitet: der Blick in die Zukunft, das Schärfen der Verantwortung für den Weg in die Zukunft. Das Eintreten für Menschenwürde und Gerechtigkeit, gegen Populismus und Gleichgültigkeit.

Dafür stehe ich ein. Dafür steht Bad Salzschlirf ein!

Anlässlich einer Ansprache in der Euthanasie- Gedenkstätte Hadamar hat Ministerpräsident Volker Bouffier vor kurzem einen Satz gesprochen, der ein Leitsatz für diese Zukunftsaufgabe ist. Dieser lautet sinngemäß: „Als Demokraten müssen wir auch die Feinde der Demokratie ertragen. Wir ertragen deren abweichende, manchmal absurde Meinungen. Was wir jedoch nicht ertragen, ist die Gleichgültigkeit! Freiheit und Demokratie vertragen keine Gleichgültigkeit. Deshalb brauchen wir Orte des Gedenkens und des Erinnerns.“

Deshalb, meine Damen und Herren bitte ich Sie für den heutigen Tag, erinnern Sie mit mir der Menschen, die unsere Mitbürger waren. Bitten Sie gemeinsam mit mir gegenüber diesen Menschen um Vergebung. Gehen Sie gegen Gleichgültigkeit und Geschichtsvergessenheit vor. Lassen Sie uns für Freiheit und Demokratie eintreten und unserer Verantwortung aus unserer Geschichte gerecht werden. Ich werde dies tun, wir werden dies gemeinsam tun.





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